Liebe Schwestern und Brüder,
Es ist eine sehr idylische Szene, die uns das heutige Evangelium zum Ende hin serviert.Tausende von Menschen sitzen im Gras, alle aßen und alle werden satt. Ist das nicht himmlisch? - ein bisschen wie im Märchen.
Doch die Bibel ist bekanntlich kein Märchenbuch und Jesus auch kein Märchenonkel. Dass viele Menschen von wenig satt werden, das wird häufiger in den Evangelien erzählt. Es ist nämlich das Bild oder die Vorstellung vom Reich Gottes, die sich bei uns einprägen soll: Menschen sitzen friedlich beieinander und sind satt, das heißt zufrieden. Das ist für Jesus "Reich Gottes in Vollendung", oder auch "Himmelreich", wie er es manchmal nennt. Insofern hat die Szene tatsächlich etwas mit dem Himmel zu tun, beschreibt also einen himmlischen Zustand. Um das zu verdeutlichen, sitzen die Menschen im Gras - ein Anklang an das Paradies.
Doch es handelt sich hier keineswegs um eine Vertröstung nach dem Motto: Wenn ihr schön brav seid, dann kommt ihr in den Himmel; da werden alle zufrieden sein, also den "ewigen Frieden" gefunden haben. Nein, für Jesus gibt es keine Trennung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Himmel und Erde. Für ihn strahlt das Jenseits ins Diesseits, ist der Himmel schon auf Erden spürbar und erfahrbar, oder wenn man so will "machbar", wenn man daran glaubt. Und das soll an dieser Erzählung deutlich werden.
Viele Menschen kommen da ja zu Jesus und haben Hunger. Das heißt ihnen knurrt nicht nur der Magen, sondern sie haben Hunger auch nach Anerkennung, Wertschätzung, Respekt, Gerechtigkeit, Frieden. Liebe... Am Ende der Erzählung sind sie satt, sind ihre Sehnsüchte gestillt. Wie kam es dazu?
Es sind zwei Szenen, die mir besonders ins Auge fallen: Zum einen heißt es da: "Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen." Jesus empfindet also Sympathie - ein anderes Wort für "Mitleid" - für die Menschen.
Und zum anderen wird folgendes geschildert: "Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten." Jesus dankt also Gott für die Gaben, die ihm geschenkt sind; er wird sich bewusst, dass sie nicht ihm gehören, sondern dass es sich hierbei um ein Geschenk Gottes handelt. Und dann praktizieren er und seine Jüngerinnen und Jünger das Teilen. Diese Gefühlsregung und Geste - Sympathie und Teilen - bewirken letztlich: alle aßen und alle wurden satt.
Wie damals bei Jesus, so haben auch heute Menschen Sehnsüchte, und im Grunde sind sie diegleichen geblieben: Auch wir haben Sehnsucht nach Anerkennung, Wertschätzung, Respekt, Gerechtigkeit, Frieden, Liebe... Wir haben die Sehnsucht, dass manchmal der Himmel auf Erden aufblitzt, dass sich also - immer wieder wenigstens für einen kurzen Moment - der Zustand einstellt, den Jesus "Reich Gottes" oder "Himmelreich" nennt. Im heutigen Evangelium zeigt uns Jesus, was es dazu braucht:
- Es braucht zu allererst Sympathie für die Menschen. Nicht nur für die paar, die mir wohlgesonnen sind, sondern für den Menschen an sich. Das heißt konkret, dass ich zumindest versuche, ohne Vorurteile, ohne Schubladendenken, dafür offen und herzlich Menschen zu begegnen - in Gedanken genauso, wie auch tatsächlich auf der Straße.
- Es braucht zum Zweiten das Bewusstein, dass alles, was ich als "Mein's" erachte, ein Geschenkt ist. Mein Besitz und mein Ansehen genauso, wie auch alle meine Fähigkeiten. All das ist nicht selbstverständlich, es ist ein Geschenk- ein Geschenk Gottes an mich. Übrigens ist in diesem Zusammenhang auch hilfreich, sich immer wieder bewusst zu werden, dass ich von Gott wohlwollend gesehen werden, dass er mich schätzt, dass ich von IHM geliebt bin.
- Und das alles führt mich dann zum Dritten, was es braucht: die Bereitschaft zum Teilen. Tatsächlich zuerst Materielles, weil viele Menschen ja wirklich Hunger leiden auf dieser Welt und sich nur so Gerechtigkeit einstellt. Aber dann auch Aufmerksamkeit, Respekt, Freundlichkeit, Frieden, Liebe. Und dabei ist es so, wie im Evangelium: Weniges (5 Brote und 2 Fische), also ein aufmunterndes Wort, ein Lächeln, eine freundliche Geste, eine Hand zur Versöhnung, eine Umarmung kann schon vieles bewirken.
"This could be heaven for everyone" singt die Gruppe Queen in einem Lied. "Dies könnte für jeden der Himmel sein: Diese Welt könnte sich ernähren, diese Welt könnte Freude bereiten, diese Welt könnte frei sein, diese Welt könnte eins sein; dies könnte der Himmel für alle sein." Jesus zeigt uns, was es dazu braucht. Sympathie und die Bereitschaft zu teilen.
Gabengebet
Gott,
dein Sohn, Jesus Christus, hat Brot geteilt;
alle aßen und alle wurden satt.
Brot steht nun auch auf dem Altar;
wir wollen es im Namen Jesu untereinander teilen.
Lass es uns zum Zeichen werden,
dass wir das teilen, was uns von Gott zuteilgeworden ist:
Brot, Aufmerksamkeit, Respekt, Liebe...
Durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

