Liebe Schwestern und Brüder!
Als mein Vater gestorben war, musste ich irgendwann die Wohnung zuhause ausräumen. Ich habe dazu länger gebraucht, als gedacht. Es gab so viele Gegenstände voller Erinnerungen. Ich habe sie angefasst und schon hatte ich dieses oder jenes Ereignis, diese oder jene Begebenheit mit meinem Vater direkt vor Augen: das Fernglas, das mich an die schönen Urlaube in Südtirol zurückdenken lässt, seine Trompete, die mich an das gemeinsame Musizieren in seiner Kapelle erinnert. Oft war die Erinnerung so stark, dass ich plötzlich wieder alles vor mir gesehen habe: meinen Vater, die anderen Menschen, die Umgebung, ich habe die Geräusche und Worte gehört und sogar der Geruch von damals stieg mir in die Nase. Manchmal war all das so intensiv, dass ich mich bewusst wieder ins Hier und Jetzt zurückholen musste. Einige dieser Gegenstände habe ich natürlich behalten. Wenn ich mit ihnen in Berührung komme, dann sehe ich bis heute wieder alles vor mir, sind wieder all die Erinnerungen an meinen Vater präsent.
„Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich“, so sagt Jesus im heutigen Evangelium. Diese Worte fallen in einer Abschiedsszene, nämlich beim letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Die Jünger werden es geahnt haben und Jesus wusste es, dass er sterben wird. Danach ist nichts mehr wie vorher. Und die Jünger werden sich gefragt haben: Wie soll es dann weitergehen? Wie können wir in Verbindung bleiben, wenn Jesus nicht mehr leibhaftig unter uns ist?
Eine Frage, die uns heute mit den Jüngern von damals verbindet. Wie kann ich mit Jesus in Verbindung bleiben? Wie kann ich Verbindung zu ihm aufnehmen? Jesus will seine Jünger damals und uns heute trösten; obwohl ich nicht mehr leibhaftig da bin, seid gewiss: „Ihr seht mich“. Gibt es also Gegenstände, Ereignisse, Situationen, die mir Jesus regelrecht vor Augen führen, wo ich ihn quasi vor mir sehen kann?
Ja, die gibt es, und jeder und jede von uns hat hier sicher einen eigenen persönlichen Zugang. Bei mir kommt das manchmal vor, wenn ich in der Bibel lese, meine Augen schließe und mir die beschriebene Szene vorstelle. Ich kann dann regelrecht in die Geschichte und Figuren eintauchen.
Es ist zudem die christliche Kunst, die mir hilft „Jesus zu sehen“ oder auch ein bewegender Gottesdienst. Es gibt manche Orte, wo ich mich Jesus sehr nahe fühle, wo ich mit ihm reden kann, wie wenn er neben mir sitzen würde. Er ist zumindest ein guter Zuhörer und manchmal auch ein guter Ratgeber.
Wenn ich diesen Gedanken noch etwas weiterführe, dann kommt mir die Erkenntnis: Eigentlich sehe ich Jesus ja in jedem Menschen, dem ich begegne. „Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, heißt ein bekanntes Jesuswort. Und der heilige Martin erkennt nachts in einem Traum, dass der Bettler, mit dem er heute seinen Mantel geteilt hat, Jesus war. Wenn ich also Jesus „sehen“ will, muss ich nur raus, auf die Straße und mit Offenheit und Herzlichkeit meinen Mitmenschen begegnen.
Und das Ganze noch einen Schritt weitergedacht, heißt dann umgekehrt: Wenn ich jemand anders begegne, dann kann der ja auch in mir Jesus Christus sehen. Ich gebe Christus ein Gesicht in dieser Welt. Etwas, was Jesus sogar im Evangelium sagt: „ihr seid in mir und ich bin in euch.“ Je mehr ich versuche Jesus zu verinnerlichen, je mehr ich versuche, Jesus zu folgen, desto deutlicher wird auch der andere Jesus in mir entdecken können: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer mich aber liebt, den werde auch ich lieben und mich ihm zeigen“, so die Worte des Evangeliums.
Um all das sehen zu können, braucht es aber auch die richtige Sichtweise: „Die Welt sieht mich nicht, aber ihr seht mich“ sagt Jesus. Das Fernglas und die Trompete meines Vaters sind nur für mich etwas Besonderes, weil ich sie mit den Augen unserer Familiengeschichte ansehe. Jesus „sehen“ wird auch nur der, der mit den Augen des Glaubens durch die Welt geht.
Aber vielleicht können wir genau mit diesem Blickwinkel, mit dieser Sichtweise bewusst in die kommende Woche gehen: wo begegnet mir Jesus, wo kann ich ihn entdecken, in Situationen, in Gedankenblitzen, in der Stille, im Gebet, wo kommt er mir in meinem Mitmenschen entgegen? Und umgekehrt kann ich von der Sichtweise getragen sein: durch mich begegnet Christus jedem anderen, den ich in dieser Woche treffe. Je liebevoller die Begegnung ist, desto augenscheinlicher wird Jesus präsent sein. Vielleicht können wir in dieser Woche (und darüber hinaus) so das entdecken, was uns Jesus heute im Evangelium verheißen hat: „Ihr seht mich.“

