Liebe Schwestern und Brüder!
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt der Volksmund. Hoffnung werden sicher auch lange Zeit Marta und Maria gehabt haben mit Blick auf ihren kranken Bruder Lazarus: „Vielleicht kommt ja Jesus noch rechtzeitig, vielleicht kann er Lazarus helfen, ihn retten, vielleicht… hoffentlich.“ „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, ja, was soll man auch anders machen, als sich an die Hoffnung klammern, solange es geht. Jeder, der schon einmal einen Menschen durch eine unheilbare Krankheit begleitet hat, kennt das. Sich in die Unausweichlichkeit des Todes zu fügen, fällt schwer – auch Marta und Maria. Lazarus ist gestorben und sie sind untröstlich.
Und wie so oft im Angesicht des Todes kommen auch Fragen auf; die Nachbarn von Marta und Maria sprechen sie aus: „Wenn dieser Jesus dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Wo war er?“ Wir fragen uns in ähnlicher Weise in solchen Situationen: „Warum musste der oder die sterben?“ Wo war ER - Gott? Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Also stirbt tatsächlich die Hoffnung zuletzt, spätestens am Ende des Lebens? Dieser Hoffnungslosigkeit will das heutige Evangelium etwas entgegensetzen. Wenn wir die Evangelien dieser Fastenzeit durchgehen, dann merken wir, dass es an allen Sonntagen um Grundfragen des Lebens ging. Anhand all dieser Erzählungen wird deutlich, worum es in der christlich geprägten Fastenzeit eigentlich geht. Es geht nicht darum, ob ich auf ein Stück Schokolade verzichte, damit ich am Ende ein paar Kilo abgenommen habe. Es geht vielmehr darum, wo bei mir Leben und Lebensqualität begraben ist wie der Leichnam des Lazarus, wo mich bestimmte Lebensumstände binden, fesseln, wie die Leinenbinden den toten Leichnam. Und es geht darum, wie ich im Blick auf Jesus und den Glauben, mehr an Leben und Lebensqualität gewinnen kann; schließlich feiern wir am Ende der Fastenzeit das Leben – nicht den Tod; darauf will man vorbereitet sein.
Deshalb zeigt mir Jesus bei seiner Versuchung in der Wüste am Beginn der Fastenzeit, wie es gelingt, Gutes zu tun und Böses zu meiden. Im Gespräch am Jakobsbrunnen fragt er mich, wo meine Quellen sind, woraus ich schöpfe. Am vergangenen Sonntag mit der Heilung eines Blinden will er mir die Augen öffnen dafür, wo mir Heil geschenkt ist, wo und wie ich Heilsames erfahren kann.
Und heute geht es buchstäblich um Leben und Tod bzw. um die Frage: Wie schöpfe ich Hoffnung angesichts des Todes. Eine Frage, die viele Menschen umtreibt. Denn mit dem Tod müssen wir leben – mit dem eigenen genauso, wie mit dem von lieben Menschen. Die moderne Technik ist sogar in der Lage KI-generierte Avatare von Verstorbenen zu erschaffen, also digitale Doppelgänger, mit denen ich Chatten oder Telefonieren kann. Doch ist das der Weisheit letzter Schluss? Vermeintliche Unsterblichkeit im virtuellen Raum?
Jesus bietet uns einen anderen Weg an. Der Schlüsselsatz dazu im heutigen Evangelium ist an Marta genauso gerichtet wie an uns: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“
Für mich persönlich ist es nicht wichtig, ob das damals mit Lazarus wirklich so passiert ist, wie es im Evangelium steht. Ist da wirklich ein Toter nach vier Tagen lebendig aus dem Grab gestiegen. Viel wichtiger ist: Kann ich wirklich glauben, dass Jesus die Auferstehung und das Leben ist. Kann ich an einen Gott des Lebens glauben. Das ist die entscheidende Frage. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten: Vielleicht ist der tote Leichnam des Lazarus damals im Grab geblieben. Aber der Glaube, dass es eine Auferstehung gibt, haben ihn für Maria und Marta zum Leben erweckt. Im Glauben wurde ihnen eine ganz neue Perspektive eröffnet: Nämlich die, dass unsere Toten in einer anderen Welt weiterleben. In einer Welt, die für uns jetzt noch nicht erreichbar ist; in der es aber irgendwann ein Wiedersehen geben wird.
Und das ist keine Phantasterei, keine religiöse Droge um den Abschiedsschmerz zu betäuben. Das ist Realität. Wer glauben kann, d.h. wer Gott glauben kann, dass ER Jesus auferweckt hat und wer Jesus glauben kann, dass er die Auferstehung und das Leben ist, der kann auch getrost glauben, dass die Toten nicht wirklich tot sind, sondern leben. Nicht in einer virtuellen Welt, sondern im Himmel, also in der unendlichen Welt.
Zur Wahrheit gehört aber auch: diesen Glauben kann ich nicht einfach so „machen“. Meine Erfahrung ist: bei jedem existentiellen Aufeinandertreffen mit dem Tod, wenn etwa ein mir lieber und vertrauter Mensch stirbt, muss ich diesen Glauben an die Auferstehung neu durchdenken, durchbeten, durchkauen und oft auch durchleiden. Zur Hoffnung der Auferstehung gehört wahrscheinlich auch die Passion und der Kreuzweg.
Alles in allem aber bleibt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt?“ – nicht mit Jesus. Bei ihm hat das Leben das letzte Wort – glaubst du das?

