Liebe Schwestern und Brüder!
Gerade eben (in der Lesung und im Evangelium) haben wir von zwei Menschen gehört: Elija und Petrus. Beide leben zu ganz unterschiedlichen Zeiten, aber sie verbindet etwas, was auch wir nur allzu gut kennen: beide haben Angst.
Elija, ein Prophet, steht zu Jahwe, der für ihn der einzige Gott Israels ist. Königin Isebel jedoch glaubt an einen anderen Gott – deshalb verfolgt sie Elija und trachtet ihm nach dem Leben. Der Prophet flieht in die Wüste und hat Todesangst – das ist die Vorgeschichte zur heutigen Lesung.
Petrus fährt mit den anderen Jüngern über Nacht in einem Boot über den See. In der vierten Nachwache, wenn es am Dunkelsten ist, kommt ein Sturm auf und das Boot wird von den Wellen hin- und hergerissen. Petrus überkommt große Angst; er droht unterzugehen.
Petrus und Elija – Menschen in Lebenssituationen, die ihnen Angst machen. Ich kann sie gut verstehen. Denn das Gefühl der Angst kenne ich auch, so wie wahrscheinlich viele von uns.
- Wir haben Angst, wenn wir uns, wie Elija, bedroht fühlen: vor Kriegen, die immer näherkommen, vor einer unsicheren Zukunft, vor einem rasant sich entwickelnden technischen Fortschritt, vor Veränderung...
- Wir haben Angst, wenn wir - wie Elija – Wüstenzeiten erleben, Zeiten in denen es uns schlecht geht und wir uns entkräftet und ausgedorrt fühlen.
- Wir haben Angst – wie Petrus – wenn es in unserem Leben drunter und drüber geht, wenn der Sturm des Lebens uns kräftig ins Gesicht bläst.
- Wir haben Angst – wie Petrus – wenn plötzlich Gespenster in der Dunkelheit unseres Lebens auftauchen: Das Gespenst einer Krankheit, das Gespenst einer gespaltenen und immer aggressiver werdenden Gesellschaft, das Gespenst der Einsamkeit, der Hilflosigkeit…
Sicher hat das Leben oft auch schöne und luftige Zeiten, aber manchmal kann einem doch eben auch angst und bange werden. Petrus und Elija und ich – uns unterscheidet da wenig voneinander auch über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg.
Was Petrus und Elija noch miteinander verbindet ist, dass sie in ihrer Situation Gott begegnen. Und diese Begegnung ist für sie heilsam; die beängstigende Situation ist nicht weg, aber die Gottesbegegnung hilft, mit der Angst umzugehen. Deshalb lohnt es sich, auf beide zu schauen.
Als Elija vor Isebel flieht, gelangt er zum Gottesberg Horeb. Dort geht er in eine Höhle. Elija weiß, dass er sich in seiner Not an Gott wenden kann – das ist ein erster Impuls für mich: In meiner Angst, in meiner Not, in mancher Verzweiflung darf ich zu Gott kommen. Er wird mich nicht wegschicken.
Aber Elija schlüpft in eine Höhle, er verkriecht sich, macht zu vor der Wirklichkeit. Das ist nicht gut, deshalb sagt Gott zu ihm: „Komm heraus und stell dich.“ Das ist ein zweiter, wichtiger Impuls dieser Gottesbegegnung: Ich kann die Angst nur besiegen, wenn ich mich ihr stelle.
Dann zieht tatsächlich der Herr vor Elija vorüber: Aber er ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer… Stürmisches Agieren, impulsive Gefühlsausbrüche, flammende Kurzschlussreaktionen nutzen meist nichts in bedrängenden Situationen. Die Angst besiegen zu wollen, oder eine Not lindern zu wollen - auf Biegen und Brechen - geht selten gut.
So erscheint Gott dem Elija in einem „sanften, leisen Säuseln“. Auch wenn es wie eine Binsenweisheit klingt: es gilt in schwierigen Lebenssituationen Ruhe zu bewahren; ich weiß, das ist oft leichter gesagt als getan. Deshalb stellt sich Elija an den Eingang der Höhle. Er stellt sich in die Gegenwart Gottes, bittet IHN um SEINE Ruhe und um SEINE Kraft, die er selbst im Moment nicht aufbringen kann. Und das hilft.
Und Petrus, in seinem Boot hin- und hergerissen, mit der Angst unterzugehen im Strudel des Lebens, wie begegnet er Gott? In Jesus, der ihm die Hand entgegenstreckt.
Auch Petrus wird von Jesus aufgefordert, sich nicht in seinem Boot zu verkriechen, sondern herauszugehen, sich der angstmachenden Situation zu stellen; er sagt zu Petrus: „Komm! Hab Vertrauen, fürchte dich nicht.“ Jesus ermuntert Petrus auf ihn zu schauen, auf Jesus und sein Gottvertrauen. Vorher auf dem Berg beim Gebet hat Jesus sich dieses Vertrauens in Gott rückversichert – wie wahrscheinlich schon so oft zuvor. Mit diesem Gottvertrauen macht es ihm nichts aus, wenn der Boden unter ihm wankt, wenn alles unsicher und haltlos ist.
Ein klein wenig nur von diesem Gottvertrauen soll Petrus nun von ihm abschauen. Petrus fasst den Mut und er steigt aus; er stellt sich dem Lebenssturm. Und tatsächlich: ein paar Schritte kann er auf dem Wasser laufen. Diese paar Schritte und die Hand schließlich, die ihn hält – die Hand von Jesus – sie lassen den Sturm abebben und es kehrt (innere) Ruhe ein.
Manche Angst lässt sich nur in ganz kleinen Schritten besiegen. Aber kleine Schritte des Erfolgs lassen mich Vertrauen schöpfen und geben mir Mut weiterzumachen, es wieder zu probieren. Ich muss nur diesen kleinen Schritt einmal wagen.
Und letztlich ist da noch die Hand Gottes, SEINE Zusage, dass, wenn alle Stricke reißen, ER mich gewiss hält. Es ist dieses sagenhafte Gottvertrauen, das Jesus in sich trägt und das ihn selbstsicher über alle Unwägbarkeiten des Lebens gehen lässt, das ich mir immer wieder in kleinen Schritten erarbeiten muss. Aber nur ein bisschen von diesem Gottvertrauen kann mir eigentlich die Gewissheit geben, dass Gottes rettende Hand mich immer und überall hält.
Enden möchte ich diese Gedanken mit einem Zitat von Edith Stein, deren Fest wir heute (Sonntag) feiern. Sie war Jüdin, dann Atheistin, hat sich schließlich katholisch taufen lassen und wurde Nonne. Unter den Nationalsozialisten wurde sie verfolgt und schließlich nach Ausschwitz deportiert, wo sie umgebracht wurde. Sie sagt: „Ich weiß, dass ich jemand in meiner Nähe habe, dem ich rückhaltlos vertrauen kann; und das ist etwas, was Ruhe und Kraft gibt.“

