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Ein Umzug mit Folgen

Jesus zieht um, von Nazaret nach Kafarnaum. Pfr. Eschenbacher legt in seiner Predigt aus, wie diese Randnotiz des Evangeliums für uns heute und für uns als Kirche gedeutet werden kann

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Umzug ist immer ein Neubeginn. Ich bin in meinem Leben schon öfter umgezogen und habe das immer so erlebt. Ein Umzug bietet die Gelegenheit, auszumisten, sich von altem Ballast zu befreien und neue Akzente zu setzen. Nun ist es endlich an der Zeit, den Inhalt der Kisten auf dem Dachboden, die seit dem letzten Umzug dort unberührt standen, ungesehen wegzuschmeißen. Gleichzeitig muss ich mich bei einem Umzug in eine neue Umgebung eingewöhnen, neue Verbindungen knüpfen und mich neu orientieren.

Im heutigen Evangelium haben wir gehört, dass Jesus umgezogen ist: „Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt.“ Mit 30 ist er also zuhause ausgezogen und geht nun seinen Weg. Diese kleine Randnotiz ist – wie ich finde – erstaunlich. Haben wir doch ein anderes Bild von Jesus im Kopf. Nämlich das, des Wanderpredigers, der mit seinen Jüngerinnen und Jüngern durch die Lande zieht. Doch dieses Bild ist unvollständig. Jesus hatte offenbar – zumindest für eine gewisse Zeit – einen festen Wohnsitz, eine Wohnung oder ein Zimmer in Kafarnaum.

Kafarnaum war zur Zeit Jesu ein größeres Dorf mit etwa 1000 Einwohnern. Die meisten von ihnen lebten vom Fischfang am See. Doch es gab dort auch Beamte, Grenzsoldaten und Zöllner, weil der Ort an einer Grenze lag. Es gab eine Synagoge, einen Marktplatz, wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude, Orte, wo man sich getroffen hat und ein buntes Völkergemisch. Nichts Besonderes also, damals wie heute. Und dort wohnt Jesus.

Hier nun orientiert er sich neu, tritt erstmals öffentlich auf und verkündet: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Wobei das „kehrt um“ im Original gar nicht so da steht. Wörtlich übersetzt heißt diese Bibelstelle nicht „kehrt um“, sondern „denkt um“. Dadurch fällt der moralische Akzent weg und das ist durchaus im Sinne Jesu. Es geht nämlich Jesus zu allererst tatsächlich darum, dass wir von Gott anders denken.

Für Jesus ist Gott nicht unnahbar, entrückt irgendwo im Himmel oder eingesperrt in einem Tempelbezirk - ER ist nicht unnahbar, sondern ganz nah, mitten unter uns, überall spürbar und erfahrbar mit seiner Barmherzigkeit, die immer verzeiht, seinem Drang nach Frieden und Gerechtigkeit, seiner Achtung gegenüber all seinen Geschöpfen, seiner Ablehnung von Hierarchien und Machtgefälle, seiner Hand, die mich halten will, seiner bedingungslosen Liebe, seiner Unendlichkeit, die über diese Welt hinausgeht. „Denkt um, denn das Himmelreich ist nahe“ – näher, als ihr es vielleicht im ersten Moment glauben könnt.

Davon erzählt Jesus in diesem kleinen Ort Kafarnaum am See, nicht nur in den Kirchen und Synagogen, sondern auch auf den Plätzen, in den Häusern, nicht nur am Sonntag, sondern auch im ganz normalen Alltag. Er lässt die familiären Bindungen in Nazaret zurück und sucht sich neue Weggefährten, die seine Sache mit ihm zusammen vertreten, Simon und Andreas, Jakobus und Johannes – mitten in der Welt, mitten in der kleinen Welt von Kafarnaum. Durch Jesu Worte und Taten ist damals so manchem ein Licht aufgegangen über Gott und die Welt und dem einen oder anderen hat sich sogar eine ganz neue Welt eröffnet, Gottes neue Welt, Reich Gottes.

Das, was wir im heutigen Evangelium gehört haben, liebe Schwestern und Brüder, ist meiner Meinung nach die Zukunft von Kirche – insofern ist es ein „Zurück zu den Wurzeln“. Die Volkskirche liegt – zumindest in Europa – in den letzten Zügen oder ist schon vorbei. Unser Einfluss als Kirche wird immer weiter schwinden. Und ob wir uns all diese schönen Gebäude noch dauerhaft leisten können, wage ich zu bezweifeln. Für manch einen ist es schmerzlich, all das so mitzuerleben. Schließlich hängen nicht nur schöne, sondern auch sehr emotionale Erinnerungen an den „guten, alten Zeiten“.

Aber ich glaube wir müssen uns klar machen, dass ein Umzug bevorsteht, für uns als Kirche mit einer neuen Ausrichtung. Und wir werden uns von vielen alten Kisten und altem Gerümpel trennen müssen, weil das nicht mehr in unsere neue Wohnung passt. Aber darauf kommt es auch gar nicht an, dass wir alles mitschleppen. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir mitten in der Welt, mitten in unserem Alltag, an den Orten, wo wir uns aufhalten versuchen als kleine Schar (auch Jesus war nur mit einer Hand voll unterwegs) durch unsere Worte, durch Gesten, durch Taten die Menschen zum Umdenken zu bewegen: Gott ist dir nahe, vielleicht näher, als du glauben magst. Das nämlich ist der Kern der Botschaft Jesu. Unser aller Aufgabe als Menschenfischerin und Menschenfischer ist es, den Himmel offenzuhalten und zwar an dem Platz, wo ich bin.