Liebe Schwestern und Brüder!
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich“, diese Frage stellt Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern. Gemeinsam sind sie schon eine zeitlang unterwegs. So manches haben sie schon miteinander erlebt: Streitgespräche, Heilungen, Wunder; sie haben seiner Botschaft gelauscht, wurden mit 5000 Menschen satt von fünf Broten und zwei Fischen, haben Jesus sogar übers Wasser laufen sehen und vieles mehr. Nun steht diese Frage im Raum: Wer ist dieser Jesus?
Es kommt nicht von ungefähr, dass dieses Thema gerade in Cäsarea Philippi hochkommt. Denn es handelt sich hier um einen magischen Ort; ein Ort der solche existentiellen Fragen geradezu provoziert.
Cäsarea Philippi ist nach zwei Personen benannt: zum einen nach dem Kaiser Augustus, der sich auf Cäsar beruft, der als Gottkaiser verehrt wird und nach Philippus, dem Sohn des Königs Herodes. Und so heißt die erste Frage, die sich hier stellt: Wer ist der wahre Herrscher der Welt?
In Cäsarea Philippi entspringt eine Quelle des Jordan. Und wo Quellen sind, gibt es oft auch Heilanstalten, oder sakrale Orte, die Menschen aufsuchen, um geheilt zu werden – so auch hier. Deshalb heißt eine zweite Frage: Wer oder was ist die Quelle meines Lebens? Wo kann ich Heil erfahren?
Wer heute nach Cäsarea Philippi kommt, sieht eine imposante Naturkulisse. Eine gigantische Felswand baut sich vor einem auf. In dieser Felswand sind noch die Nischen zu sehen, in denen zurzeit Jesu die heidnischen Götterstatuen standen, die dort verehrt wurden, z.B. der Gott Pan. Und so geht es hier auch um die Frage: Wer ist der wahre Gott?
Mit dem Blick auf die riesige Felswand bekommt das Wort Jesu „du bist Petrus, der Fels“ einen besonderen Klang; und der Volksmund nannte damals die riesige Grottenöffnung, aus der der Jordan entspringt die „Pforte der Unterwelt“.
Kein Wunder also, dass Jesus an diesem magischen Ort mit Blick auf den Kaiser, auf Götter, auf Heiltempel, den Fels, der Unterwelt seinen Jüngern diese Frage stellt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich.“ Simon Barjona hat eine Antwort parat; er hat sich offenbar schon Gedanken darüber gemacht: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus lobt ihn („selig bist du“) und nennt ihn „Petrus“ – der Fels.
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich“, diese Frage stellt Jesus nicht nur Petrus und seinen Jüngern damals, sondern er stellt sie bekanntlich auch uns, seinen Jüngerinnen und Jüngern von heute. Das Evangelium, das wir gerade gehört haben, steht genau in der Mitte des gesamten Matthäusevangeliums. Es ist also die zentrale Frage, die Schlüsselfrage für einen jeden Christen: Wer ist dieser Jesus für mich? Was bedeutet mir Jesus?
Ich glaube sogar, dass die Antwort gar nicht so entscheidend ist – oder anders formuliert: Es gibt nicht nur eine richtige Antwort. Es kommt vielmehr darauf an, dass ich mich als Christ immer und immer wieder damit auseinandersetze, wer dieser Jesus für mich ist und versuche, ehrlichen Herzens, eine für mich stimmige Antwort zu finden. Hilfreich kann dabei ein Gespräch mit Gott sein („selig bist du Simon Barjona, denn mein Vater im Himmel hat dir das offenbart“), das Lesen des Evangeliums und das Hören auf Jesu Worte, vielfältige liturgische und spirituelle Feiern, ein Gespräch mit anderen Christen, das Lesen von guter geistlicher Literatur… es gibt viele Möglichkeiten sich damit auseinanderzusetzen, was mir Jesus bedeutet.
Und ich muss mir auch bewusst sein: Meine Antwort, wird immer eine vorläufige sein. Am Ende des Evangeliums befiehlt Jesus seinen Jüngern nicht zu erzählen, dass er der Christus sei. Warum? Weil ihnen etwas Wesentliches am Christus-Bild fehlt, so wie Jesus es versteht: Nämlich sein Tod und seine Auferstehung. Es wird also immer Situationen geben, die von Neuem die Frage aufwerfen, wer dieser Jesus für mich ist. Und es wird immer wieder auch neue Antworten geben. Das ist lebendiger Glaube.
Doch ich bin auch davon überzeugt: Wer sich immer wieder von Jesus anfragen lässt: „Du, für wen hältst du mich“ und ehrlich und in Wahrhaftigkeit dem nachgeht, für den wird der Glaube wie ein fester Grund sein, ein Fels, auf den sich aufbauen lässt im Leben, der Halt gibt, der zur lebendigen Quelle wird und mit dem sich so manche höllischen Momente - die "Pforten der Unterwelt" - überwältigen bzw. bewältigen lassen. Und wir werden so auch selbst zu einem Felsen, zumindest einem Baustein, auf den Christus heute seine Kirche baut.
Ich lade ein, dass wir jetzt, am Ende der Predigt uns einen Moment Stille gönnen. Gehen wir dabei der Frage für uns selbst nach, die Jesus uns heute stellt: „Ihr aber, für haltet ihr mich?“
Nach der Stille
Zum Glaubensbekenntnis singen wir nun ein Lied, die Nummer 456 im Gotteslob: „Herr du bist mein Leben“. Dieses Lied beinhaltet viele mögliche Antworten auf die Frage: „Ihr aber, für haltet ihr mich“: „Herr du bist mein Leben“ heißt es da, „Weg“, „Wahrheit“, „Freiheit“, „Kraft“ usw. Welche dieser Antworten kommt mir nahe?
Schlussgebet
„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15)
Jesus wir bitten dich,
lass uns dir nachfolgen
und dabei immer wieder deiner Frage nachgehen,
„ihr aber, für wen haltet ihr mich“.
Schenke uns den Mut,
zu unserer Antwort zu stehen
und sie vor den Menschen zu bezeugen.
Du baust auf uns,
dafür danken wir dir und preisen dich
bis in Ewigkeit. Amen.

