Liebe Schwestern und Brüder!
Im Zentrum des heutigen Gottesdienstes am Karfreitag steht das Kreuz und mit ihm der Gekreuzigte. 5 Wundmale trägt er von der Kreuzigung an seinem Leib: Jeweils eine an beiden Händen und Füßen durch die Nägel verursacht und eine mitten ins Herz. „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite“, so hieß es im Evangelium.
Die 5 Wundmale Jesu haben eine lange Tradition in der christlichen Mystik und Spiritualität, die weit ins Mittelalter zurückreicht. Sie standen schon immer sinnbildlich für die Wunden der Welt, also dafür, woran die Welt und die Menschen in ihr leiden. So möchte ich sie heute auch deuten und 5 Wunden der Menschheit von heute benennen:
- Die erste Wunde sind Kriege. Tagtäglich sehen wir Bilder von Kriegsgebieten und der dort leidenden Bevölkerung, besonders aus der Ukraine, weil sie uns am nächsten ist, oder auch aus dem Nahen Osten mit dem Heiligen Land, der Heimat Jesu. Wir vergessen dabei oft, dass im Jemen seit über 10 Jahren Bürgerkrieg herrscht, oder auch in Teilen Afrikas. Das Leid der Menschen überall dort ist immens groß, besonders für Frauen und Kinder. Die einzige Möglichkeit für viele, sich dem zu entziehen, ist die Flucht.
- Die zweite Wunde ist die Klimakrise und die damit einhergehende Umweltzerstörung. Extremwetter, Dürren und Überschwemmungen sind die Folge davon, Artensterben und der Kollaps ganzer Ökosysteme bedrohen Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen. Das schlimme ist: Viele Machthaber leugnen den Klimawandel und machen weiter wie bisher, mit verheerenden Folgen.
- Die dritte Wunde ist Armut, Ungleichheit und wirtschaftliche Unsicherheit. Hunderte Millionen von Menschen leben in extremer Armut. Inflation und steigende Lebenshaltungskosten belasten Menschen weltweit und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Dazu kommt: Wasser, Nahrung und Energie, also die Ressourcen dieser Erde, werden knapper und schon heute werden darum Kriege geführt.
- Die vierte Wunde ist Desinformation und gesellschaftliche Spaltung. „Was ist Wahrheit“ fragt Pilatus in der Passionserzählung. Eine Frage, die auch heute viele Menschen umtreibt. Angesichts von KI und Fake-News, sowie der Möglichkeit, anonym im Netz alles Mögliche zu verbreiten, fragen sich viele: wem kann ich noch trauen? Was ist Wahrheit? Bewusst werden immer häufiger falsche Informationen gestreut, um die Gesellschaft zu spalten.
- Die fünfte Wunde schließlich ist für mich die Erfahrung von Tod. Unser Menschsein ist endlich und immer wieder werden wir schmerzhaft und leidvoll mit dem Tod konfrontiert.
In Anlehnung an die 5 Wunden Jesu habe ich 5 Wunden unserer modernen Welt benannt. Sie lassen die Welt bluten und wenn sie nicht gestoppt werden, laufen wir Gefahr auszubluten. Die 5 Wunden Jesu am Kreuz zeigen, dass Jesus unsere Wunden mitträgt, dass er um unsere Wundmale weiß.
Doch die Lesung dieses Karfreitags geht noch weiter, wenn sie formuliert: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“. Und ein Kernsatz des christlichen Glaubens lautet: Jesus hat uns durch sein Kreuz erlöst. Aber: Ist es so einfach? Zum Kreuz schauen, das Kreuz anbeten und alles ist gut? Natürlich nicht. Und doch ist dieses Kreuz bei aller Tragik und bei allem Leid ein Hoffnungsschimmer… bzw. nicht das Kreuz, sondern der Gekreuzigte, also Jesus… und zwar mit seiner Botschaft und mit seinem Leben.
Denn dafür steht das Kreuz und dafür, dass Jesus konsequent seinen Weg gegangen ist. Mit seinem ganzen Leben und mit seiner ganzen Energie – man könnte sagen mit „Herzblut“ – ist Jesus eingestanden für einen Gott, der alle Menschen unendlich liebt und damit verbunden dafür, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst. Für diese Wahrheit hat sich Jesus stark gemacht: „Ich bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“, so sagt er vor Pilatus. Doch die Wahrheit schmeckt nicht jedem. Paradoxerweise musste er für seine Liebesbotschaft am Kreuz sterben. Jesus hat sich also, wenn man so will, für seine Botschaft geopfert. Kompromisse wollte ER eben nicht eingehen.
So steht das Kreuz für SEINE Botschaft und für SEIN Leben. Und diese Botschaft und das Vorbild Jesu sind tatsächlich Balsam für die Wunden dieser Welt und können sogar heilsam wirken. So verstehe ich den Satz: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
- Gegen die Wunde der Kriege lehrt Jesus das Heilmittel, dass wir einander lieben sollen, ja sogar unsere Feinde, und dass diejenigen „selig“ sind, die Frieden und Versöhnung stiften.
- Gegen die Wunde der Umweltzerstörung lehrt Jesus das Heilmittel, dass Gott der Schöpfer der Welt ist, dass wir SEINE Schöpfung behüten und bewahren sollen, weil sie uns nicht gehört.
- Gegen die Wunde der Armut lehrt Jesus das Heilmittel, dass die Armen selig sind und dass es unsere Pflicht als Christen in seiner Nachfolge ist, für Gerechtigkeit einzustehen.
- Gegen die Wunde der Desinformation und Spaltung lehrt Jesus das Heilmittel, dass wir – wie er - der Wahrheit verpflichtet sind und nicht Hass schüren sollen, sondern respektvoll miteinander umgehen, weil wir alle Kinder Gottes.
- Gegen die Wunde des Todes ist Jesus von den Toten auferstanden und hat uns so die Hoffnung auf den Himmel geschenkt.
Als der Auferstandene seinen Jüngerinnen und Jüngern erscheint, erkennen sie ihn an seinen Wunden. An vielen Osterkerzen sind die Wundmale zu sehen. Die Wunden dieser Welt gehen nicht einfach weg. Der Glaube radiert sie nicht einfach aus. Aber der Gekreuzigte zeigt uns, wie wir mit den Wunden dieser Welt umgehen können, und wie wir heilsam auf die Verletzlichkeit dieser Welt einwirken können.
Insofern ist das Kreuz unsere Hoffnung und der gekreuzigte Christus unsere Stärke und unser Licht.
Liedruf: Meine Hoffnung... (Taizé)




